Brasilien

Das Schweigen in der Menge

„Das Große ist nicht, dies oder das zu sein, sondern man selbst zu sein.“ Dieses Zitat von Sören Kierkegaard, einem hierzulande den meisten vermutlich nicht näher bekannten dänischen Philosophen, huschte gestern gerade durch meine Facebook-Timeline. Und er hat ja Recht, so sehr Recht. Entsprechend groß ist meine Hochachtung vor den Menschen, die dieses Große wirklich schaffen, nicht nur nach Außen gespielt, sondern mit der tiefsten inneren Überzeugung, noch dazu ohne den gewaltigen Anstoss eines Schicksalsschlags wie Krankheit, Unfall oder schlimmeres. Und so verbiete ich es mir auch, trotz aller Hochachtung vor solchen Beispielen wie etwa aktuell das des US-amerikanischen Läufers Bruce Van Horn (Leseempfehlung!), aus solchen Lebenswegen Kraft zu schöpfen. Denn im Ergebnis bedeutete dies doch, auf einen solchen negativen Einschnitt zu hoffen, um anschließend endlich man selbst zu sein?

Leider gehöre ich seit Jahren zu den Menschen, die regelmäßig scheitern an dieser großen Aufgabe. Wie einst Sisyphos rolle ich den mit dunklen Gedanken schwer beladenen Wagen regelmäßig den Berg der Zufriedenheit hoch, bis er wieder polternd zu Tal kracht und das Spiel von vorn beginnt. Nur auf den ersten Blick überraschend geschieht dies besonders in den Phasen, wenn sich um einen rum scheinbar die halbe Nation im (auf mich in dieser Breite oberflächlich wirkenden) grenzenlosen nationalen Jubel in den Armen liegt. Das mag am Wesen „leiser Menschen“ liegen, über das ich an anderer Stelle in diesem Blog bereits berichtet habe. Mir sind diese Zeiten selbst als Fußball-Fan von Kindesbeinen an, der die „Wasserschlacht von Frankfurt“ ebenso mit erlebt hat wie die „Schmach von Cordoba„, zunehmend suspekter. Zeiten, in denen auch nur die kleinste Abweichung von der vorgebenen Meinung von den Mitmenschen mit Missachtung bestraft wird. Zeiten, in denen die Masse scheinbar blind den Worten eines ihrer Helden folgt, selbst wenn er nur Belanglosigkeiten in das Mikrofon eines dankbar dreinschauenden Reporters hustet. Spätestens dann, wenn dir an solchen Tagen selbst auf einem ansonsten ja gerne überkritisch daherkommenden Medium wie Twitter die „Liebe“ in Form vom Sternen entzogen wird, ist klar: Du gehörst nicht dazu!

Dies Sache wird nicht einfacher, wenn du als „leiser Mensch“ ohnehin nicht per se ein Lieblingskind einer immer lauter werdenden Gesellschaft bist. Eine Gesellschaft, die deine Zurückhaltung und gelegentliche Sehnsucht nach Ruhe als Distanz oder gar Arroganz wertet, zumal dann, wenn du es im Leben zu etwas gebracht hast. Dann ist die nicht selten offen zur Schau getragene Abneigung der Mitmenschen ein nicht unerheblicher zusätzlicher Ballast, die deinen Wagen beschwert. Und wenn du dann noch, wie in meinem Fall, als Ausdauersportler große Teile deiner Freizeit auf der Tartanbahn oder der Straße als Sportler und Übungsleiter verbringst, statt regelmäßig das Auto zu waschen oder das Unkraut zu jäten, dann wird es eng für dich, in diesen unseren deutschen Landen. Gerade gestern hat mir dies ein Nachbar wieder deutlich zu verstehen gegeben, als ich leicht gehetzt auf dem Fahrrad mit einem Apfel im Mund zum nächsten Termin eilend ihn wohl nicht mit der gebotenen überschäumenden Freundlichkeit grüßte – de facto fuhr ich kurz nickend (mit dem Kopf schon bei der anstehenden Trainingseinheit mit den Kids) an ihm vorbei.

Bei diesen für sich genommen zu vernachlässigenden Kleinigkeiten muss ich dann mit mir ringen, dass das Frustkopfkino nicht wieder zu einer Vorstellung bittet, zumal der Alltagsstress und die fehlende körperliche Fitness ohnehin an einem nagt. Spätestens dann wird er wieder zu schwer, mein Wagen der Zufriedenheit mit sich selbst. Also, denkt dran, falls heute Abend beim Rudelgucken jemand in eurer Nähe nach dem Siegtreffer für die deutsche Mannschaft nicht vor Begeisterung gleich sein Shirt (nein, kein gerade noch eben gekauftes Trikot) in Stücke reißt, sondern nur in sich reingrinst: Es handelt sich vielleicht nur um einen etwas leiseren Zeitgenossen, keinen Vaterlands-Verräter…

P.S.: Für sachdienliche Hinweise zur wenigstens teilweisen Entladung meine Wagens bin ich natürlich dankbar. Vielleicht hilft auch jemand schieben?

 

 

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